- Hans Kammerlander
VON AHORNACH ZUR POJENALM
AUF DEN SPUREN VON HANS KAMMERLANDER – DEM EXTREMBERGSTEIGER
An einem Frühsommermorgen steigt der kleine Hans vom elterlichen Bergbauernhof ins Tal ab, um zur Schule zu gehen. Er begegnet zwei Bergsteigern, die steten Schrittes aus dem Ahrntal aufsteigen. Sie fragen Hans nach dem Weg auf den Moosstock, einem Dreitausender hoch über Ahornach. Der Achtjährige weist ihnen den Pfad, versteckt dann aber seine Schultasche zwischen Sträuchern, folgt heimlich den beiden und besteigt so seinen ersten Dreitausender. Heute gilt Hans Kammerlander als einer der besten Extrembergsteiger. Mit seiner Ski-Abfahrt vom höchsten Berg der Welt, dem 8848 m hohen Mount Everest, schreibt er ein Kapitel der Alpinismus-Geschichte.
Bei diesem Ausflug folgen wir den Spuren von Hans Kammerlander, auch wenn wir nicht ganz den Gipfel des Moosstocks (3059 m) erreichen werden. Der Gipfel dieses Dreitausenders sollte prinzipiell nur von erfahrenen Alpinisten angegangen werden, da es am Weg hinauf einige ausgesetzte Stellen gibt. Unsere Panoramawanderung beginnt in Ahornach (1334 m), dem Geburtsort des berühmten Bergsteigers. Wir parken vor dem Gasthof Moosmair , nur wenige Meter von der Dorfkirche entfernt. Von hier aus geht es nach rechts, der Markierung 10 folgend, die bald die asphaltierte Straße verlässt und einen hübschen Waldpfad entlangführt. Bei einem kleinen Parkplatz bringt uns der Pfad 10b Richtung Moosstock in 1¾ Stunden auf eine Anhöhe bei der Schlafhäuser Alm (2016 m). Die Mühen des Aufstiegs werden durch eine wunderbare Aussicht belohnt, die Schritt für Schritt immer weiter wird. Leicht kann man nachvollziehen, dass der kleine Hans lieber diesen Weg Richtung Gipfel geht als in die Schule. Kammerlander ist in Bergsteigerkreisen vor allem für seine Schnelligkeit berühmt. Umso mehr verwundert es, dass er gerade die Langsamkeit als sein Erfolgsgeheimnis bezeichnet. Er zitiert gerne ein tibetisches Sprichwort: „Wer schnell auf einen Berg steigen will, sollte langsam gehen.“ Nur so schafft es Kammerlander, 36 Stunden ohne Unterbrechung zu wandern. Wir verlassen für unsere Tour den Pfad 10b, der auf den Moosstock führen würde, und gehen nach links in Richtung Pojenalm. In weniger als 1 Stunde erreichen wir, leicht ansteigend, das Kleine Jöchl (2276 m), einen herrlichen Aussichtspunkt über dem Ahrntal. Hier bietet sich ein 360-Grad-Panorama, das uns für beinahe den gesamten restlichen Weg mit leichten Variationen erhalten bleiben wird: Im Osten der Zintnock, der uns momentan noch den Blick auf den Moosstock verdeckt, bis der sich aus dem Pojental in all seiner Majestät präsentiert. Im Norden sind die Bergkämme des Zillertals zu sehen, die an der Grenze zu Österreich liegen, im Westen erhebt sich der Speikboden, im Winter ein beliebtes Skigebiet. Im Süden schweift der Blick entlang des Tauferer Tals, und in der Ferne sieht man die Dolomiten, mit ein wenig Wetterglück sogar die legendäre Marmolada. Vom Sattel aus steigen wir Richtung Pojenalm (im Sommer bewirtschaftet) ab. Die Almwiesen am Bach laden zur Rast und zu einem alpenfrischen Fußbad ein. Nach einer kleinen Brücke bringt uns der Weg Nr. 33 über die Pojenalm (2040 m) nach Pojen. Der Roanerhof (1579 m) in Pojen ist vom Sattel aus in gut 2 Stunden Wiesenwanderung erreicht – zum Teil geht es recht steil bergab, aber niemals gefährlich. Wir kehren nach Ahornach auf einer ebenen Asphaltstraße mit der Markierung 10a in weniger als 1 Stunde zurück.
Tipp
Burg Taufers gilt als eine der besterhaltenen Burganlagen Südtirols. Wohl aus diesem Grund wählten diverse Regisseure die Burg in Sand als Filmkulisse. Bemerkenswert sind die Bibliothek mit ihrem wertvollen Kachelofen, die Rüstkammer, das Geisterzimmer, das Verlies und die Kapelle mit Fresken von Friedrich Pacher sowie seiner Werkstatt (15. Jh.). Für Kinder sehr spannend! Mit Führung zu besichtigen, täglich von Mitte Juni bis Ende Oktober. Infos: Tel. 0474 678053, www.burgeninstitut.com
Hans Kammerlander
Am 24. Mai 1996 steht Hans Kammerlander am höchsten Punkt der Erde, am Mount Everest (8848 m). Soeben hat er das „Dach der Welt“ in einer Rekordzeit von nur 17 Stunden über die tibetische Flanke bestiegen. Das wahre Vorhaben beginnt aber erst: Er schnallt die Ski an und stößt sich ab, es beginnt die erste Skiabfahrt vom Bergriesen. Kammerlander wird am 6. Dezember 1956 in Ahornach oberhalb von Sand in Taufers als letztes von sechs Kindern einer Bergbauernfamilie geboren. Viel zu früh stirbt seine Mutter. Schon in den 1970er Jahren bezwingt Hans Kammerlander die schwierigsten Wände in den Alpen. 1983 schafft er seinen ersten Achttausender, den Cho Oyu (8153 m). Danach folgen zwölf weitere Achttausender, alle ohne Sauerstoffflaschen, davon sieben gemeinsam mit Reinhold Messner. Kammerlander fehlt in der Sammlung der insgesamt 14 Achttausender bloß der Manaslu (8156 m). Er verzichtet auf diesen letzten Berg, weil bei einer gemeinsamen Expedition dorthin zwei seiner besten Freunde ums Leben gekommen sind. Einen besonderen Rekord stellt Kammerlander 1991 auf, als er gemeinsam mit Hans Peter Eisendle in nur 24 Stunden zwei berüchtigte Nordwände bezwingt: jene am Ortler und jene der Drei Zinnen. Die Distanz zwischen den beiden Wänden, immerhin 220 Kilometer, legen sie per Fahrrad zurück. Noch im selben Herbst umrundet er gemeinsam mit Reinhold Messner Südtirol: in nur sechs Wochen 1200 Kilometer, 300 Gipfel und 100.000 Höhenmeter! In den vergangenen Jahren hat sich Kammerlander von den von kommerziellen Expeditionen überlaufenen Achttausendern abgewendet, er widmet sich heute den noch unbestiegenen Siebentausendern. Als Bergführer ist Hans Kammerlander äußerst begehrt. Mit seiner 36-Stunden-Wanderung für jedermann hat er großes Interesse ausgelöst. Infos: Tel. 0474 690012, www.kammerlander.com
Infos in Kürze
- Anspruchsvolle Rundwanderung in alpinem Gelände
- Gehzeit, ca. 970 Höhenmeter
- Ausgangspunkt ist Ahornach oberhalb von Sand in Taufers; hierher von Bruneck im Pustertal über das Tauferer Tal.
- Moosmair: Naturhotel mit empfehlenswertem Gasthof. Ahornach 44, kein Ruhetag, Tel. 0474 678046, www.moosmair.it
- Roanerhof: Pension-Gasthof. Auf den Tisch kommen u. a. Pilzgerichte, Hirschbraten und Kaminwurz sowie Speck und Graukäse aus eigener Produktion. Oberpojen 134, kein Ruhetag, Tel. 0474 679291, www.roanerhof.de
(aus „Spurensuche in Südtirol“, Folio Verlag)
